Pflegenotstand

      Ich oute mich, ich habe die Ankündigung im MoMa gesehen, aber nicht geschaut. Allerdings resigniere ich mittlerweile auch, da das Thema ja nicht neu ist und politikerseits einfach nichts passiert. Denn das Thema gibt es ja erst nicht seit gestern. Wie auch andere Themen, die die Politik in den rd. 30 Jahren meines politikinteressierten Lebens, nicht nur ansatzweise nicht geschafft hat zu bewältigen, sondern diese überhaupt mal anzugehen.

      Ich sachs einfach "So sad" ;)
      Der frühe Vogel kann mich

      Warnhinweis: Meine Beiträge können öfter mal ironisch und sarkastisch sein und sind nicht für jeden geistigen Horizont geeignet. Lesen auf eigene Gefahr.

      rsw70 schrieb:

      Ich oute mich, ich habe die Ankündigung im MoMa gesehen, aber nicht geschaut. Allerdings resigniere ich mittlerweile auch, da das Thema ja nicht neu ist und politikerseits einfach nichts passiert. Denn das Thema gibt es ja erst nicht seit gestern. Wie auch andere Themen, die die Politik in den rd. 30 Jahren meines politikinteressierten Lebens, nicht nur ansatzweise nicht geschafft hat zu bewältigen, sondern diese überhaupt mal anzugehen.


      Danke, du nimmst mir viel Schreibarbeit ab.
      Mein Nicht-Verfolgen bedeutet nicht, dass ich das Thema nicht für wichtig halte (im Gegenteil), sondern dass ich auch die Befürchtung habe bzw. hatte, dass ich durch die Berichterstattung keine neuen Erkenntnisse gewinnen würde.
      Wenn man jeden Tag 1 Stunde joggt, lebt man 2 Jahre länger.
      Dumm nur, dass man dann 4 Jahre gejoggt ist.
      Es fällt mir schwer zu dem Thema Pflege irgendwelche Aussagen zu machen. Leider verändert sich aus politischer Sicht nahezu gar nichts. Alle 4 Jahre kommt ein neuer Gesundheitsminister und will eine Pflegereform. Diese Reformen führen dann immer wieder zu fast nichts bis hin zu gar nichts. Sei es die Pflege Bahr Geschichte oder die Einführung der Pflegegrade. Keine dieser Reformen geht das eigentliche Problem an. Wir haben auf der einen Seite zu wenig Kapazitäten und zu wenig Geld für die Pflege selbst und auf der anderen Seite eine höher werdende Anzahl an Pflegebedürftigen.
      Die einzige Möglichkeit um sich zumindest mal finanziell zu schützen ist die private Pflegeversicherung. Aber sprich da mal jemanden im jungen bzw. mittlerem Alter an. Da siehst du nur große und fragende Augen oder du wirst ausgelacht...
      - Ich kann micht nicht erinnern, dass ich mal was vergessen hätte - :denk:
      Ich sehe das Ganze auch deutlich fatalistischer als durch politische Rahmenbedingungen bestimmbar.

      Die Gesellschaftsstruktur verschiebt sich immer mehr, von einer Alterspyramide kann schon lange keine Rede mehr sein.
      Dadurch wird es nun einmal immer mehr Menschen geben, die alt, krank und pfegebedürftig sind und dementsprechend Kranken- und Pflegeversicherungen vor neue Herausforderungen stellen.

      Die gesamten Konzepte für Rente, gesundheitliche Versorgung und Pflege basieren noch auf Berechnungen, die von gänzlich anderen Rahmenbedingungen ausgingen.
      Was soll man also heute machen? Letztlich kann man nur entweder mehr Einnahmen generieren (durch höhere Beiträge) und/oder an der Ausgabenseite sparen, was sich letztlich sowohl auf die Qualität der Pflege auswirkt als auch auf dem Rücken der Pflegenden ausgetragen wird.

      Ein Allheilmittel habe ich dafür nicht parat. :dontknow:

      Irgendwie fallen mir nur dystopische Bilder wie aus "Logan's Run" ein:
      de.wikipedia.org/wiki/Flucht_ins_23._Jahrhundert
      Wenn man jeden Tag 1 Stunde joggt, lebt man 2 Jahre länger.
      Dumm nur, dass man dann 4 Jahre gejoggt ist.
      Da ich meine Ausbildung selbst im Bereich der Altenpflege absolviere,habe ich beides mit Spannung erwartet.
      Aber ich merke sowohl im Umfeld als auch in den sozialen Medien,das Mitleid und der Respekt für diese Berufsgruppe sind stark ausgeprägt aber Ideen zur Hilfe? Fehlanzeige.

      Wenn sich nicht bald etwas ändert wird dieses System krachend vor die Wand donnern...

      profigammler schrieb:


      Aber ich merke sowohl im Umfeld als auch in den sozialen Medien,das Mitleid und der Respekt für diese Berufsgruppe sind stark ausgeprägt aber Ideen zur Hilfe? Fehlanzeige.


      Das ist ja in vielen Bereichen so: es gibt einen Unterschied zwischen generellem Verständnis - und der Bereitschaft, selbst seinen Beitrag durch den Griff in die eigene Tasche zu leisten.
      Wenn man jeden Tag 1 Stunde joggt, lebt man 2 Jahre länger.
      Dumm nur, dass man dann 4 Jahre gejoggt ist.

      angelo76 schrieb:

      profigammler schrieb:


      Aber ich merke sowohl im Umfeld als auch in den sozialen Medien,das Mitleid und der Respekt für diese Berufsgruppe sind stark ausgeprägt aber Ideen zur Hilfe? Fehlanzeige.


      Das ist ja in vielen Bereichen so: es gibt einen Unterschied zwischen generellem Verständnis - und der Bereitschaft, selbst seinen Beitrag durch den Griff in die eigene Tasche zu leisten.


      Volle Zustimmung.Nur Frage ich mich immer wieso?Womit hat unsere Berufsgruppe es verdient durch permanente Nichtbeachtung bestraft zu werden?
      Hauptproblem ist die Unattraktivität des Berufs. Miese Arbeitszeiten, Wochenendarbeit, fehlende Achtung in der Bevölkerung. Dazu kommt die fehlende Bereitschaft der Politik Pflege finanziell besser auszustatten, so dass die Träger finanziell auch kaum Spielräume haben. Private Träger helfen sich mit Ausländern, kirchliche Träger sind deutlich hochpreisiger, zahlen aber auch deutlich bessere Gehälter und sind zumindest tarifgebunden.

      Dazu nimmt der Staat Personalressourcen. Pflegekräfte dokumentieren sich mittlerweile einen Wolf, haben aber dadurch immer weniger Zeit für die eigentliche Pflege. Pflegedienste werden unter den Generalverdacht gestellt miese Qualität zu erbringen und werden mit Vorgaben überhäuft. Es mag schwarze Schaafe geben, aber der Staat schießt m.E. hier deutlich über das Ziel hinaus.
      Ich tendiere im Übrigen dazu den Zivildienst verpflichtend wieder einzuführen. Für Männlein und Weiblein. Das würde die Pflege bei leichten Aufgaben entlasten, gleichzeitig aber auch das Verständnis für Pflege in der Bevölkerung verbessern.

      Aber da die Industrie ja selber nach Nachwuchs schreit und deutlich bessere Lobby hat, ist das leider illusorisch.
      Ich selbst habe auch Hochachtung vor dieser Arbeit!!
      Sie ist sowohl körperlich als auch geistig sehr anspruchsvoll. Eigentlich viel zu anspruchsvoll für die schlechte Bezahlung.

      Ein Problem ist sicherlich, dass für die Ausbildung ein Realschulabschluss benötigt wird. Viele Hauptschüler würden mit Sicherheit in diesem Bereich arbeiten wollen, können es aber nicht. Auf der anderen Seite suchen sich die Realschulabsolventen eher besser angesehene Berufe.
      - Ich kann micht nicht erinnern, dass ich mal was vergessen hätte - :denk:

      Kampfhahn schrieb:

      Ich tendiere im Übrigen dazu den Zivildienst verpflichtend wieder einzuführen. Für Männlein und Weiblein. Das würde die Pflege bei leichten Aufgaben entlasten, gleichzeitig aber auch das Verständnis für Pflege in der Bevölkerung verbessern.

      Aber da die Industrie ja selber nach Nachwuchs schreit und deutlich bessere Lobby hat, ist das leider illusorisch.


      Da stimme ich Dir mal zu. ;)

      Ok, ich selbst hatte damals lieber Bock, bei der Bundeswehr meinen gesellschaftlichen Dienst abzuleisten, aber für mich genau der richtige Weg. Zumal es die Sozialkompetenz einiger, in dieser mittlerweile egoistischen Gesellschaft, rein persönliche Meinung, fördern würde.

      Nicht nur die Industrie, auch Handwerk und Co. schreien danach. Für mich kontraproduktiv ist auch, dass der Wert akademischer Ausbildung viel zu sehr forciert und auch hervorgehoben wird und aufgrund dessen viel zu viel Wert auf den (hoch-)schulischen Abschluss gelegt wird. Es soll Leute geben, denen die Schule so was von scheiß egal war, aber im Beruf ihre Erfüllung gefunden haben bzw. als Praktiker hervorragende Leistungen zeigen. Allerdings hat das für die Abwertung von bestimmten Berufen in unserer Gesellschaft geführt, die sie keinesfalls verdient haben.
      Der frühe Vogel kann mich

      Warnhinweis: Meine Beiträge können öfter mal ironisch und sarkastisch sein und sind nicht für jeden geistigen Horizont geeignet. Lesen auf eigene Gefahr.
      Ich sehe da noch einen anderen Vorteil. Kinder und Jugendliche werden mittlerweile komplett gedrillt und zu Alleskönnern erzogen. Schule, Sport, Musik, aber die Persönlichkeitsentwicklung bleibt komplett auf der Strecke. Und auch da könnte ein Zivildienst zumindest einiges kompensieren was in Schule und Elternhaus verpennt wird.
      Da der Threadtitel hier ja "Pflegenotstand" heißt schonmal so viel vorweg: wenn über einen allgemeinen Zivildienst diskutiert werden muss, um den Pflegenotstand zu beseitigen, dann zeigt das nochmal deutlich, dass einiges falsch läuft. Auf einen derartigen Dienst sollte nämlich die Pflege in einem Land keineswegs angewiesen sein.

      Abgesehen davon gibt es sicherlich gute Argumente für und gegen einen derartigen Zivildienst, die ich jetzt nicht alle aufzählen möchte.

      Ich persönlich bin aber froh, dass es einen derartigen Dienst nicht gibt und für mich auch nicht gab. Ich musste damals in der Schule in der 9. Klasse ein Sozialpraktikum machen. Dort haben meine Mitschüler und ich jeweils einmal einen kurzen Einblick (3 Wochen) in einen sozialen Beruf bekommen; ich war z.B. im Elisabeth-Krankenhaus. Der kurze Einblick hat aber schon schon gereicht, um mir nachhaltig ein Bild von der Verantwortlichkeit des Jobs, aber auch der Belastung des Personals zu geben und entsprechende Tätigkeiten auch angemessen zu würdigen. Umgekehrt hat es aber auch gereicht mir zu zeigen, dass ich in diesem Sektor völlig falsch aufgehoben wäre. Der Faktor der "Sensibilisierung" der Gesellschaft wäre also aus meiner Sicht auch gut durch ein flächendeckendes Sozialpraktikum erreichbar. Ein lange dauernder Zivildienst hingegen würde ganz sicher zu Missverständnissen führen, die häufig auch zu Lasten der Patienten ausgingen!

      Ganz abgesehen davon stelle ich auch den Effekt des Zivildienstes für die Gesellschaft in Frage. Nicht umsonst basiert unser heutiges Wirtschaftssystem ja auf dem Prinzip der Spezialisierung. Ein durchschnittlich verdienender Akademiker oder gut verdienender Handwerker oder Facharbeiter etwa hat sicherlich einen viel größeren Wert für die Gesellschaft, wenn er ein Jahr mehr arbeitet und Steuern zahlt, als wenn er ein Jahr lang als unqualifizierte Pflegekraft sein Unwesen treibt und auf arme Patienten losgelassen wird.

      Kampfhahn schrieb:

      Ich sehe da noch einen anderen Vorteil. Kinder und Jugendliche werden mittlerweile komplett gedrillt und zu Alleskönnern erzogen. Schule, Sport, Musik, aber die Persönlichkeitsentwicklung bleibt komplett auf der Strecke. Und auch da könnte ein Zivildienst zumindest einiges kompensieren was in Schule und Elternhaus verpennt wird.


      Wenn sie denn dann mal "Alleskönner" wären! Sie meinen, sie könnten alles und oft ist die einzige Bildung, die "Einbildung". Kommt mir zumindest immer öfter so vor, wenn man sich die "heutige Jugend" ansieht. Natürlich gibt es immer noch Ausnahmen. Liegt ja nunmal am Elternhaus. Ich erlebe es z.B. auch in meinem Beruf, wie Leute, die mal locker 20 - 25 Jahre Jünger sind als unser eins, entsprechend weniger Berufs- und Lebenserfahrung haben, der Meinung sind, bereits absolute Vollprofis zu sein und dann entsprechend dumm aus der Wäsche gucken, wenn man ihnen belegen kann, dass sie im Unrecht sind. Nicht, weil sie dumm sind, sondern weil manchmal eben auch Erfahrung etwas ausmacht. Das aber heißt nich, dass man als "alter Hase" keine Fehler macht oder nicht auch was von den "jüngeren" lernen kann, aber es kommt halt immer auf das "Verhalten" an.

      Jonny1990 schrieb:



      Ganz abgesehen davon stelle ich auch den Effekt des Zivildienstes für die Gesellschaft in Frage. Nicht umsonst basiert unser heutiges Wirtschaftssystem ja auf dem Prinzip der Spezialisierung. Ein durchschnittlich verdienender Akademiker oder gut verdienender Handwerker oder Facharbeiter etwa hat sicherlich einen viel größeren Wert für die Gesellschaft, wenn er ein Jahr mehr arbeitet und Steuern zahlt, als wenn er ein Jahr lang als unqualifizierte Pflegekraft sein Unwesen treibt und auf arme Patienten losgelassen wird.


      ​Oh weh...da wird mir als ehemaliger Zivi aber anders. Anscheinend hast du nicht die geringste Ahnung welche Arbeiten Zivis übernommen haben. Ich war beim ASB in Hagen in der sozialen Betreuung. Das war gerade bei Pflegebedürftigen nicht so das man da die komplizierten Pflegerischen Tätigkeiten übernahm, dafür gab es die "echte" Pflege. Aber all die Kleinigkeiten die nebenbei anfallen, von einkaufen, das Essen auf Rädern reinholen, mal eben kurz was zu trinken holen, mal auf die Toilette helfen, also alles Aufgaben welche die echte Pflege nicht leisten konnte aufgrund der Zeit ermöglichten es den Menschen zu Hause in den eigenen vier Wänden zu bleiben und nicht wie heute in ein Pflegeheim zu müssen. Und dafür waren die Leute sowas von dankbar. Und es gab ja nicht nur die pflegebedürftigen die Betreuung brauchten. Da gab es die alten Damen welche nicht mehr so mobil waren das sie einkaufen gehen konnten. Da waren die Menschen mit Demenz im Anfangsstadium welche Hilfe bei den Ämtern brauchten. Da war der 40jährige Schlaganfallpatient, der froh war wenn man mit ihm im Rollstuhl jeden Tag mal eine Stunde spazierenging.

      ​Kurzum es war eine Tätigkeit die viel mehr Wert für die Gesellschaft als deine Argumentation des steuerzahlenden Akademikers oder Handwerkers. Einen Wert für den Menschen und nicht einen Wert in Form irgendeiner Abstrakten Zahl. Sorry, wenn ich es so sagen, so ein Denken finde ich einfach nur zum Kotzen. Da fühle ich mich wie RSW& Kamfhahn bestätigt, das ein Jahr Zivildienst vielleicht mal die Augen öffnet für menschliche Werte und nicht so einen Scheiß. Denn genau dieses Denken sorgt dafür, das nicht nur in der Pflege die Gesellschaft immer kälter wird.
      Ducunt fata volentem, nolentem trahunt